Das Comando Vermelho

Das Comando Vermelho (Rotes Kommando) entstand Anfang der 70er Jahre im Gefängnis Cândido Mendes auf der Insel Ilha Grande. Zu dieser Zeit herrschte in Brasilien eine repressive Militärdiktatur, die sich ganze 21 Jahre an der Macht hielt. Das neu verabschiedete „Gesetz zur nationalen Sicherheit“ erleichterte eine vermehrte Inhaftierung linker Oppositioneller als Subversive und so füllten sich die brasilianischen Gefängnisse schnell mit politischen Häftlingen.

Anfang der 70er Jahre kam es zur Zusammenlegung von politischen Gefangenen und gewöhnlichen Schwerkriminellen in den Gefängnissen- so auch in Cândido Mendes. Die Bedingungen in den Gefängnissen zur damaligen Zeit waren prekär: Es gab vergammeltes Essen, die Zellen waren restlos überfüllt und Gewalt und Misshandlungen der Gefangenen standen an der Tagesordnung. Die politischen Gefangenen wehrten sich gegen diese unmenschlichen Lebensverhältnisse im Gefängnis, indem sie durch Hungerstreik, Unterschriftenlisten und ins Ausland geschmuggelte Dokumente für ihre Rechte eintraten. Auch innerhalb des Gefängnisses versuchten sie Regeln durchzusetzen, die ein Zusammenleben zwischen den unterschiedlichen Gefangenen ermöglichen sollten. Die „gewöhnlichen“ Gefangenen, meist Bankräuber und Schwerverbrecher, deren Verurteilung ebenfalls unter das Gesetz zur nationalen Sicherheit fiel, erlebten, wie einige der Forderungen der politischen Gefangenen nach und nach erfüllt wurden. Noch dazu trat gegen Ende der Militärdiktatur ein Amnestiegesetz in Kraft, durch das die linken Gefangenen allmählich begnadigt und freigelassen wurden. Angesichts ihres Erfolges begannen sich die anderen Häftlinge ebenfalls zu organisieren und unter dem Deckmantel der politischen Gesinnung eine der größten Gruppen des organisierten Verbrechens zu gründen. Sie entwickelten ihr berühmtes Motto „Paz, Justiça, Liberdade“ (Friede, Gerechtigkeit und Freiheit) und nannten sich selbst „Falange Vermelha" (Rote Phalanx), bis die Medien ihnen den Namen Rotes Kommando gaben, der sich dann bis heute hielt.

Aufgrund der eskalierenden Gewalt zwischen den beiden Gruppierungen forderten die politischen Häftlinge schon bald, von den anderen Häftlingen getrennt zu werden. So setzten sie bei der Gefängnisleitung durch, dass eine Mauer zwischen den Gefängnistrakten gebaut wurde. Das Zusammenleben der politischen Gefangenen und den Schwerkriminellen war also nur von kurzer Dauer. Es reichte jedoch aus, um zahlreiche Mythen über die Entstehung des Comando Vermelho ins Leben zu rufen, die bis heute existieren. So konnte sich bis heute die Version halten, die linken Gefangenen hätten den Banditen Guerillatechniken beigebracht und sie zudem politisch-ideologisch geschult. Viele Erklärungen zielen darauf ab, dass das Rote Kommando – wie der Name auch schon sagt- zumindest am Anfang ihrer Entwicklung durchaus einen politischmotivierten Hintergrund hatte. Diese Theorien sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Es ist davon auszugehen, dass hinter der Gruppierung keine politische Ideologie, sondern lediglich das Kalkül steckte, auch unter das Amnestiegesetz zu fallen. Gleichermaßen ist eine ideologische Schulung durch die politischen Gefangenen aufgrund des zeitlich begrenzten Zusammenlebens recht unwahrscheinlich.

Als auch die kriminellen Gefangenen nach und nach ihre Haftstrafe absaßen und aus dem Gefängnis entlassen wurden, riss ihre Verbindung untereinander nicht ab. Zurück in Rio de Janeiro widmeten sie sich zunächst wieder kriminellen Machenschaften wie Raubüberfälle und Entführungen, von denen sie jedoch aufgrund der hohen polizeilichen Verfolgung bald absahen. Statt dessen zogen sie sich immer mehr in die Armenviertel zurück, in die sog. Favelas, um dort die schon vorhandenen Drogenverkaufsplätze zu übernehmen. Aufgrund des staatlichen Machtvakuums in den Favelas hatte das Comando Vermelho schon bald das absolute Machtmonopol in den Armenvierteln. Der folgende Einstieg ins internationale Drogengeschäft ermöglichte, dass nun auch Kokain und Crack billig verkauft werden konnte. Schon bald kontrollierte das Comando Vermelho ca. 40 % des Drogenhandels in Rio de Janeiro. Um sich gegen die Polizei und rivalisierende Drogenbanden zu schützen, begann die Bande sich systematisch zu bewaffnen. Sie rekrutierten Kinder und Jugendliche, deren Lebenserwartung nach einem Einsteig auf durchschnittlich zwei Jahre sinkt, und begannen einen grausamen Krieg gegen die Polizei und Banden.

Jahrelang war das Comando Vermelho die größte Bande in Rio de Janeiro und hatte zahlreiche Favelas unter ihre Kontrolle. Ihr Monopol in den Favelas ist jedoch seit 2008 durch den kontinuierlichen Einsatz der neuen Befriedungspolizei UPP entscheidend geschwächt worden.